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Vom Spanplattenmöbel zur Kunsttischlerei

Kapitell 1. Wie ich Möbelbauer wurde: autodidaktische Bemühungen um funktionsoptimierte Möbel

1974 machte ich meine ersten Versuche in Sachen Inneneinrichtung und Möbelbau. Sie entsprangen zunächst meinen Grundsätzen vom Konsumverzicht. Die Konstruktion war recht einfach: vier Kalksandsteine, darauf ein Schalbrett, dann vier Kalksandsteine, wieder ein Schalbrett... Stilistisch war das Ganze eher dem Bereich Hardcore zuzuordnen, paßte aber recht gut zum übrigen Wohnumfeld. Auf Illustrationen verzichte ich hier vorsichtshalber

Inspiriert durch Auslandsaufenthalte und motiviert, der (klein-) bürgerlichen Kultur, im Bereich Einrichten und Wohnen, eine eigenständige Alternative entgegen zu setzen, entwickelte und baute ich ab 1975 meine nächste Wohnungseinrichtung.
Wie in anderen Kulturkreisen üblich, saß man auf dem Boden, Möbel waren in Form und Größe auf ihre Funktion reduziert, aus Spanplattenzuschnitten 

Alternativen

Gegenentwurf MW von 1975 . Das kleine Regal im Hintergrund ist insofern bemerkenswert, als es mir in seiner gnadenlosen Schlichtheit, deutlich machte, wie einfach Möbelbau sein kann. Es handelte sich nämlich um einen käuflich erworbenen Bausatz mit vorgebohrten Nagellöchern! Ich ging dann allerdings einen Schritt weiter und nagelte Teile nicht einfach so zusammen, dass es aussah wie ein Regal, sondern überlegte, wo genau ich einen Boden brauche und wie groß er zweckmäßiger Weise sein sollte.

zusammengenagelt und mit schwarzer Abtönfarbe gepinselt. Primitiv, aber s.o. funktionsoptimiert.

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Hier die andere Alternative, ein Raum eines gewissen Backenbart Bernd, der übrigens fast einen Infarkt bekam, als er mich mit dem Stuhl kippeln sah. Heute kann ich ihn verstehen, und vielleicht ist genau an jenem Abend ein Funke der Wertschätzung für seine Möbel auf mich übergesprungen, was für mein späteres Schaffen noch wichtig werden sollte

 Diese Einrichtung markierte zugleich den Gegenentwurf einer Alternative, die sich damals bot, einem fast schon feudalen Einrichtungsstil mit teils hochwertigen Antiquitäten, die man in den frühen 70ern noch auf dem Sperrmüll fand.


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Und tatsächlich fanden sich Interessenten für meine billig zusammen genagelten Funktionsmöbel. Wobei dahingestellt sein mag, welches Merkmal ausschlaggebend war, billig oder Funktion. Peu à peu waren auch qualitative Fortschritte zu verzeichnen: die Verwendung von Leim stabilisierte die Nagelverbindung, Moltofill-Spachtel auf den Schnittkanten, später Polyester, und eine Lackierung mit Füller und Lack, verbesserte die Optik.

Da der Möbelbau, in mancher Hinsicht vorteilhaft, vor Ort beim Kunden stattfand, führten ausgerechnet diese Maßnahmen zu Akzeptanzproblemen, infolge der Staub- und Lösungsmittelbelastung, die damit einher ging. Auch eine Verlagerung der temporären Werkstatt, aus Küche oder Wohnzimmer, hinaus an die frische Luft, auf den Balkon, taugte nicht als Dauerlösung, denn bald kam eine neue Emissionsquelle dazu: Elektrowerkzeuge und damit Lärm.

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 1979. Werkstatt in WG-Zimmer. Abbildungen lasse ich weg, da diese Episode für meine künftigen Aktivitäten nur insofern relevant war, als mir klar wurde: so nicht! Ich hatte die Spanplatten-, Spachtel-, Lack-Nummer in gewisser Hinsicht perfektioniert, ohne dass mich die Resultate zufrieden stellten.
Ein neuer Werkstoff mußte her: Vollholz

1980: Werkstatt  auf Garagenhof. Meine Pose kann als dezenter Hinweis auf die Platzverhältnisse gesehen werden.  Inzwischen beschäftigt man sich mit Vollholz und Holzverbindungen. Damals wie heute: man gibt sich Mühe. Hier zusammen mit Freund und Mitstreiter Albrecht Englert

Also okkupierte ich ein unbenutztes WG-Zimmer. Für mich hatte das einen ganz besonderen Charme, Stichwort: kurze Wege,  für andere Hausbewohner nicht, die sich wegen gestörter Videoaufzeichnungen beschwerten, oder über Lärm, der bei Examensvorbereitungen störte.
Wieder war eine Alternative gefragt. Als mich ein Freund fragte, der sein Pflanzen- und Keramik-Importlager von einer halben auf zwei ganze Garagen vergrößerte, ob ich von ihm die halbe mieten wolle, griff ich zu:  Das war also 1980 der Aufstieg zur Halb-Garagenfirma, wobei die Bezeichnung “Firma” genaugenommen nicht ganz richtig ist...

Dennoch waren die Ergebnisse nicht immer dazu angetan, die Werke mit heller Freude zu betrachten.
Um dem entgegen zu wirken, und bestärkt durch gutgemeinte Ratschläge seitens meiner Familie (Junge, du mußt doch einen anständigen Beruf lernen) entschloß ich mich zu einer Tischlerausbildung, die mich  in fachlicher Hinsicht einen großen Schritt weiter brachte.

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Kapitell 2. Ausbildung, Gesellenjahre und der Versuch, einen funktionierenden Betrieb aufzubauen
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1981. In diesem Hinterhof in Alt-Kleefeld befand sich die Werkstatt von Tischlermeister Kurt Mayer, der seine Tätigkeit bescheiden als Kleinreparatur und Aufarbeitung von Möbeln bezeichnete, in meinen Augen aber ein äußerst erfahrener und fähiger Tischler und  Restaurator war. Unglaublich, wie er mit  Fuchsschwanz, Hobel, Ziehklingen, Furniermesser, Warmleim  udgl. hantierte. Und ein feiner Mensch obendrein. Ich mußte ziemlich lange insistieren, bevor er sich zu einer Aussage über einen Wettbewerber hinreißen ließ, der weniger bescheiden firmierte . Kurt Mayer war zunächst nur ein Wort zu entlocken: Schade. Und noch einmal: Schade.

Erst als ich weiter bohrte, vervollständigte er den Satz: Schade um die Sachen, die die Leute dort hinbringen. Zuvor hatte ich mich dort um einen Praktikumsplatz beworben, aber eine brüske Abfuhr erhalten. Begründung: das könne man nicht machen, man hätte auch Töchter aus gutem Hause beschäftigt. Ganz anders Kurt Mayer. Er musterte mich von oben bis unten und meinte dann: “willig, willig, willig?” Erst wußte ich nicht so recht was er meinte, beeilte mich dann aber, zu versichern, ich würde mich freuen, bei ihm arbeiten zu dürfen.  Dies ist vielleicht nicht der beste Beleg für seine menschlichen Qualitäten, aber jedenfalls die Geschichte, die ich am liebsten erzähle.

Das 3monatige Betriebspraktikum bei Kurt Mayer war zwar im Rahmen meiner Ausbildung nur ein relativ kurzer Abschnitt, für mich gleich in mehrfacher Hinsicht äußerst wichtig. Hier wurde mir klar, wo es im Möbelbau lang gehen sollte! Es müßte doch möglich sein, mit den technischen Mitteln, die inzwischen zur Verfügung stehen, mindestens das handwerkliche Niveau zu erreichen, was 100 und mehr Jahre zuvor bei besseren Möbeln

selbstverständlich war, natürlich ohne den Stil gleich mitzukopieren, sondern in einer Formensprache von Heute, unter Verwendung aktueller Materialien und Beschläge.
Auch in anderer Hinsicht war der Umgang mit Antiquitäten eine Quelle der Inspiration, offenbarte sich doch eine nie für möglich gehaltene Vielfalt an Konstruktionen, Funktionen, Details und das Streben danach, die Möbel “schön” zu machen.

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Oben sieht man Möbel und eine Intarsienarbeit, die während der Ausbildung entstanden sind. Dabei wird deutlich: a) meinen Stil habe ich noch nicht gefunden, b) der Einfluss aus der Werkstatt Kurt Mayer und c) eine signifikante Steigerung des handwerklichen Niveaus. An dieser Stelle möchte ich denen danken, die das Ihre dazu beigetragen haben:
Meister Siegfried Kluge, oben im Meisterkittel (“ein Tischler kann alles”), ein Mann, der mit viel Idealismus und großem persönlichen Engagement versucht hat, die Gruppe seiner Auszubildenden in der Spur zu halten und sein Wissen nicht nur für die Prüfung, sondern darüber hinaus für die Praxis, zB. Glas schneiden, vermittelt hat.
Berufsschullehrer Raimund Hertram (“an den Spänen erkennst du den Mann” und “der Wohlers ist ein Idealist”), in Fachkunde eine Koryphäe, ein  Mann, längst m Rentenalter, der es als seine Aufgabe ansah, sein Wissen weiter zu geben.
Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass seine Ausführungen weniger auf Aufmerksamkeit als auf Heiterkeit stießen. Einleitende Worte wie: “Jungmänner achten Sie”, die anwesenden Frauen waren auch gemeint, waren auch Anfang ‘80 ein echter Brüller.

Wobei ich den Verdacht habe, bei Innung und Verbänden ist das  Umgangssprache, das Mittelalter läßt grüßen. Für mich ist Herr Hertram damit quasi entschuldigt. Wie dem auch sei, ich hätte ihn zum Beispiel gerne gefragt, welche Holzarten behalten den Kontrast zueinander, wenn sie älter werden, also nachdunkeln, oder ausbleichrn?
Und selbstverständlich Meister Kurt Meier (“messe zweimal, schneide einmal” und “die Leute sollen sich nicht die Werkstatt ansehen, sondern das was raus geht”). Über den habe ich oben schon berichtet.
Im übrigen übte die räumliche Einheit von Arbeiten und Wohnen, die ich ja bereits praktiziert hatte, weiterhin einen starken Reiz auf mich aus, so daß ich noch einmal rückfällig wurde,
Der Altbau, in dem ich wohnte, hatte früher Toiletten auf halber Treppe, diejenige die zu unserer Wohnung gehörte, davor noch eine Nische. Beides trennte ich mit einer Tür ab, so entstand die 3m² große Miniwerkstatt, die man oben rechts sieht. Vorteilhaft durch ihre Nähe, aber beengt.
Wieder stand Veränderung an.

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 Inzwischen wurden Möbel konsequent aus Vollholz gemacht, was auch naheliegt, wenn keine Furnierpresse da ist. Der übrige Maschinenpark präsentiert sich übersichtlich im Vordergrund. Diese Bilder stammen aus dem Jahr 1984 vor dem Umbau.

rechts)  Nicht nur Qualität ist wichtig, sondern auch der überzeugende Auftritt bei der Lieferung... Hier 1985 mit Freund und Mitstreiter Harald Nagel

1983 dann die Erfüllung der Wunschvorstellung vom Leben und Arbeiten auf dem Lande durch einen Umzug in die westliche Peripherie Hannovers nach Northen und eine neue Werkstatt in den Räumen einer ehemaligen Bäckerei. Nach umfangreichen, wilden und kraftraubenden Umbauarbeiten war sie fürs erste groß genug.
Es folgten die Gesellenjahre in einer Dorftischlerei in Groß Munzel. Dank an dieser Stelle an Meister Friedrich Söhle (“nimm die Hände aus der Tasche, fummel da nicht so lange rum, wer soll denn das bezahlen!”),

der mich mit Bautischlerei vertraut machte und den ich erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernte. Mein Fazit nach 3 Jahren: So einen Guten wie ihn hatte Groß Munzel nicht verdient
Nach der Meisterschule erlangte ich 1988 mit dem Meistertitel den offiziellen Segen für meine Aktivitäten. Mehr aber auch nicht, denn für die Beschaffung finanzieller Mittel war er ohne jede Relevanz, so daß weiter Improvisationstalent gefragt war und die Gabe aus Schrott wieder funktionsfähiges Gerät zu machen. (an dieser Stelle: danke Klaus Markgraf!)

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Die Produktionsethik hochhalten!
Hier widmet sich Freund und Raumklangchef Jürgen Selugga, höchstpersönlich dem Gehäusebau (1993).
Ein kleiner Hinweis zu den Vorrichtungen mit den grünen Aufklebern: Andreas Grote meint, deren Anblick wirke auf den Inspektor von der Berufsgenossenschaft, wie der des Kruzifix auf den Teufel.

Da scheint was dran zu sein, denn der gute Mann gab sich überraschend flexibel, als er eines Tages aus einem dichten Staubnebel heraus auf mich zu kam. Um die Werkstatt zu entstauben, nutzte ich gerade die Gunst der Stunde, die sich durch heftigen Südwind ergab, der den Staub , den ich mit Druckluft aufwirbelte, durch einen Gang und die Eingangstür hinaus nach draußen drückte.
Man muß dazu wissen, dass in der Tischlerei selbst Fegen verboten ist, weil es zu viel Staub aufwirbelt.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, der Unterschied zwischen den oberen und den unteren Bildern hat rein gar nichts mit dem Einfluß der Meisterschule zu tun.

Im Gegenteil, was dort gepredigt wurde, lief darauf hinaus, mir vor Augen zu führen, daß ich absolut keine Chance habe, ohne Kapital (siebenstellig, mindestens mittlerer sechsstelliger Betrag) einen Tischlereibetrieb aufzubauen. Stichworte: 100 m Halle, Fertigungsstraße Platten rechts, Fertigungsstraße Vollholz links (oder war’s umgekehrt?) usw. Den mitleidigen Blick von

Lehrer Gause vergesse ich nie, als ich fragte, ob es auch ein gebrauchter Lieferwagen täte.

Als Überleitung böte sich jetzt der Spruch an, ich habe keine Chance, also nutze ich sie. Tatsächlich war die Überzeugung entscheidend, ich wüßte wie die Dinge aussehen müssen, ein Gedanke, der sich irgendwann bei mir festgesetzt hat, und ich brannte darauf, das zumindest in meinem Metier unter Beweis zu stellen. Die Chance dazu sah ich nur in der Selbstständigkeit. 
Trotz dieses nervigen Intermezzos erfolgte also im Jahr 1990 die Betriebsgründung.

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Kapitel 3.  Weitere 10 Jahre ambitionierter Möbelbau,  Ausbau des Betriebes, Modellbau, 3D Grafik

1994 erneut ein Umzug. Dieses  Mal in die östliche Peripherie Hannovers, nach Ilten, verkehrsmäßig gut erreichbar und leicht zu finden. Zwar immer noch keine 100 m Halle auf der grünen Wiese, aber nun sind Werkstatt und Nebenräume groß genug. Insofern wirklich ein Schritt nach vorn.

im Büro....
Werkstattgebäude Hindenburgstr. 11  (Foto Heinz Brandau)

Oktober 2004. Das Werkstattgebäude. Sehnde OT Ilten, Hindenburgstraße 11

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An dieser Stelle einen herzlichen Dank an meine Ex-Praktikantin Heidi Mende, die u. a. die Hobelbank immer so schön aufgeräumt hat. Dank aber genauso an alle anderen Praktikanten seit 1994 für super Hilfe und eine gute Zeit.

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Kapitel 4.  Weitere 10 Jahre ambitionierter Möbelbau und im Jahr 2000 das Expo-Projekt “Kunstkoffer”

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12) Während andere noch versuchen, das papierlose Büro hinzukriegen, bin ich schon einen Schritt weiter und habe das Büro ganz abgeschafft. :) Die Entwurfsarbeit findet jetzt im benachbarten Wohnhaus  statt.

Die Türen zum Hof

Oktober 2009. Die Türen zum Hof.

Ausstellung

Vorne oder nicht vorn?
jedenfalls bin ich dankbar für ein Arbeits- und Wohnumfeld, wo ich in angenehmer Atmosphäre und in Ruhe und Frieden, überwiegend das machen kann, was mir sowieso Spaß macht und sehe das als wesentlichen Faktor für gutes Gelingen.
So kann sich mein Ehrgeiz auf das fokussieren, worauf es in der Werkstatt ankommt. Mehr dazu unter Blick nach vorn.

In den zehn Jahren von 1994-2004 konnte ich für Professor WP Eberhard Eggers ca 50 Skulpturen und Gußmodelle anfertigen. Mehr dazu unter Modellbau.

Oktober 2005. Sitzecke vor der Werkstatt.

Werkstattgebäude Hofseite. Foto: Heinz Brandau

Oktober 2004. Der Hof in Herbstfarben.

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